PROJEKTEINBLICK ·

Die erste Frage an mein eigenes Archiv

Statt Suchbegriffe zu raten, stelle ich meinem Archiv eine normale Frage – und bekomme eine Antwort samt dem Brief, aus dem sie stammt.

KONZEPT · UMSETZUNGOliver Röschner
LESEZEIT5 Minuten
BEREICHTECHNOLOGIE
Ein markierter Vertragsabsatz ist sichtbar mit der daraus belegten Antwort und ihrer Seitenquelle verbunden.
KI GENERIERTES ARTIKELBILD | OPERUS

Die Volltextsuche war schnell und zuverlässig. Aber sie verlangte, dass ich die Wörter kenne, die im Brief stehen. Eigentlich wollte ich etwas anderes: eine Frage stellen, so wie ich sie auch einem Menschen stellen würde – und eine Antwort bekommen, nicht eine Trefferliste.

Wie lange im Voraus muss ich meinen Stromvertrag kündigen?

An dieser Frage sieht man gut, was der Volltextsuche fehlt. Im Vertrag steht nicht „wie lange im Voraus“. Dort steht „Kündigungsfrist“, vielleicht „sechs Wochen zum Ende der Vertragslaufzeit“, irgendwo auf Seite zwei der Allgemeinen Geschäftsbedingungen. Die Wörter meiner Frage und die Wörter des Vertrags haben kaum etwas gemeinsam.

Damit Operus Search diese Frage beantworten kann, muss es mehrere Dinge verbinden:

  • verstehen, worum es in der Frage geht;
  • die passende Stelle in meinen Briefen finden, auch wenn sie anders formuliert ist;
  • aus dieser Stelle eine kurze Antwort machen;
  • zeigen, aus welchem Brief die Antwort stammt.

Wichtig ist dabei, was Operus Search nicht tut: Es rechnet hier keine Frist aus. Es zitiert, was im Vertrag steht, und zeigt mir die Stelle. Ob ich noch rechtzeitig dran bin, entscheide ich selbst.

Eine KI-Antwort wird für mich erst dann nützlich, wenn ich sehen kann, aus welchem meiner Briefe sie stammt.

Suchen nach Bedeutung

Für die Suche nach Bedeutung zerlegt Operus Search jeden Brief in kurze Abschnitte. Ein lokales KI-Modell übersetzt jeden Abschnitt in eine lange Reihe von Zahlen – eine Art Fingerabdruck seines Inhalts. Abschnitte, die von ähnlichen Dingen handeln, bekommen ähnliche Fingerabdrücke, auch wenn sie ganz andere Wörter benutzen.

Stelle ich eine Frage, bekommt auch sie einen solchen Fingerabdruck. Operus Search sucht dann die Abschnitte, deren Fingerabdrücke ihm am ähnlichsten sind. So findet „wie lange im Voraus kündigen“ den Absatz zur Kündigungsfrist.

Das Modell dafür heißt bge-m3 und läuft wie alles andere auf meiner eigenen Hardware. Die Fingerabdrücke liegen in derselben Datenbank wie der übrige Index und lassen sich dort schnell miteinander vergleichen.

Die Suche nach Bedeutung ersetzt die Volltextsuche nicht. Beide laufen gleichzeitig, und ihre Ergebnislisten werden zusammengeführt. Ein Dokument kann oben landen, weil es genau die gesuchten Wörter enthält, weil es inhaltlich passt – oder beides.

SuchwegStärke
VolltextNamen, Nummern, genaue Begriffe
Bedeutunganders formulierte Fragen, inhaltlich verwandte Stellen
beide zusammendas Beste aus beiden, ohne einem Weg blind zu vertrauen

Eine Suche nach Bedeutung findet allerdings immer irgendetwas, das „am ähnlichsten“ ist – auch wenn gar nichts wirklich passt. Treffer, die nur über die Bedeutung kommen, müssen deshalb eine Mindestähnlichkeit erreichen. Sonst tauchen sie gar nicht erst auf.

Erst suchen, dann antworten

Die Reihenfolge ist entscheidend. Operus Search fragt nicht einfach das Sprachmodell und hofft auf das Beste. Zuerst sucht es die passenden Stellen in meinen Briefen. Erst danach bekommt das lokale Sprachmodell – bei mir Qwen3 – genau diese Auszüge – mit der Aufgabe, die Frage ausschließlich daraus zu beantworten.

Ablauf · vereinfacht text
Frage
  ↓
Volltextsuche und Suche nach Bedeutung
  ↓
passende Stellen aus meinen Briefen
  ↓
lokales Sprachmodell
  ↓
Antwort mit Quellenangabe

Findet die Suche nichts Brauchbares, wird das Sprachmodell gar nicht erst gefragt. Operus Search antwortet dann, dass es dazu in meinen Dokumenten nichts gefunden hat. Das Modell bekommt so keine Gelegenheit, die Lücke mit allgemeinem Wissen oder einer plausibel klingenden Vermutung zu füllen.

Die Antwort wurde der neue Einstieg

Der Moment, in dem Operus Search meine erste echte Frage korrekt beantwortete, war für mich tatsächlich umwerfend. Aus einer technischen Idee wurde plötzlich etwas, das mein eigenes Archiv verstand. Ich stellte sofort die nächste Frage – und dann noch eine. Dabei kamen auch Dinge ans Licht, mit denen ich nicht gerechnet hatte: Rechnungen wurden zwar korrekt erkannt und addiert, aber noch nicht immer sinnvoll gruppiert. Gerade das hat mich nicht gebremst. Im Gegenteil: Jede richtige Antwort zeigte mir, was bereits möglich war, und jeder Fehler, woran ich als Nächstes arbeiten musste. So wurde aus diesem ersten Erfolg der eigentliche Antrieb, Operus Search weiterzuentwickeln.

Seitdem hat sich mein Umgang mit dem Archiv verändert. Ich kann weiterhin nach einem Begriff suchen und den Brief öffnen. Ich kann aber auch direkt fragen: nach einer Frist, einer Selbstbeteiligung, einem Datum. Die Antwort kommt mit dem Beleg, und ein Klick führt zum Original.

Für Fragen, deren Antwort in einem einzigen Brief steht, ist das ideal. Schwieriger wird es, wenn sie sich über viele Briefe verteilt. Was hat eine Sanierung insgesamt gekostet? Wo habe ich im letzten Jahr am meisten ausgegeben? Dafür reicht es nicht, ein paar ähnlich klingende Stellen an ein Sprachmodell zu geben. Dafür muss jede einzelne Rechnung gefunden und jeder Betrag richtig addiert werden.

Teil 7: Wenn die Antwort in vielen Briefen stecktWeiterlesen in der Operus-Search-Serie. OPERUS SEARCH